Perspektiven im Krisenumfeld: Die Finanz- und Wirtschaftskrise und der Mittelstand

"Eigenkapital gewinnt"

 

BankM Newsletter 02/2008: Fragen an Thomas Stewens, BankM - biw AG, zu den Auswirkungen der Krise auf den Mittelstand und den Aussichten im Hinblick auf die Situation mittelständischer Unternehmen am Kapitalmarkt in den nächsten Monaten.

 

Frage: Wir erleben derzeit eine der vermutlich heftigsten Krisen der Finanzwelt, die es jemals gab. Wie konnte es soweit kommen?

Thomas Stewens: Seit den frühen 80er Jahren wurde in allen entwickelten Industrienationen eine sich verlangsamende Konjunktur mit sinkenden Zinsen „bekämpft" und die Geldmenge sukzessive deutlich erhöht. Dieses „billige" Geld hat seinen Weg über die Banken in das Wirtschaftssystem gefunden. Virtuelle Wertsteigerungen schufen die Rechtfertigung für weitere Geldmengensteigerungen.

Die Bilanzen vieler Banken, Finanzintermediäre, aber auch vieler Privatpersonen wurden immer stärker durch Fremdkapital gestreckt. Das „billige" Geld ließ Eigenkapitalrenditen in verblüffende Regionen steigen. Ein Ende der Party wurde durch ständige neue Infusionen von geliehenem Geld verhindert, während sich die Risiken aufgrund der sich zunehmend verschlechternden Relation von Eigenkapital zu Fremdkapital - im Grunde unbemerkt - dramatisch erhöht haben. Der Preis war ein ständig zunehmendes Risiko dieses immer instabiler werdenden Systems. Die Folgen sehen wir heute in zunehmender Dramatik.

 

Frage: Was sind die größten Risiken in dieser Krise?

T.S.: Die zwei größten Risiken sind zum einen das Risiko des Systemausfalls und zum anderen das politische Risiko. Das Risiko des Systemausfalls wurde von den politischen Eliten erkannt und man sieht an der Kraft der global abgestimmten Rettungsaktionen, dass an dieser Thematik fieberhaft gearbeitet wird. Die Tatsache, dass annähernd alle Nationen gemeinsam an einer Stabilisierung des Finanzsystems arbeiten, lässt hoffen, dass ein Zusammenbruch des Systems verhindert werden kann.

Das zweite Risiko resultiert aus der annähernd unvermeidlichen globalen Rezession, was zu erheblichen Wohlstandseinbussen führen wird. Wenn diese Wohlstandseinbussen nicht fair verteilt und entsprechend sozial abgefedert werden und wenn vor allem keine ehrliche Informationspolitik bzgl. der unvermeidlichen Einschnitte etabliert wird, könnten die bestehenden Eliten durch neue Führungsgruppierungen mit geringerer wirtschaftlicher Kompetenz abgelöst werden, was dann möglicherweise den finalen Kollaps des Systems zur Folge hätte.

 

Frage: Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es jetzt, um unser Wirtschaftssystem zu stabilisieren?

T.S.: Es sind verschiedene Maßnahmen denkbar:

1) Eine weitaus höhere Unterlegung von Eigenkapital bei allen Institutionen, die am Kapitalmarkt teilnehmen. Dies betrifft nicht nur die Hedgefonds, sondern auch Privatinvestoren und viele Banken.

2) Eine strikte Trennung von Kundenbetreuung und Produktvertrieb in Geschäftsbanken. Hohe produktbezogene Vertriebsprovisionen für Bankmitarbeiter, die ja eigentlich den Kunden beraten sollen, schaffen falsche Anreize und im Endeffekt intransparente Produkte mit vielen verdeckten Provisionen.

3) Eine Neustrukturierung der Bankenwelt mit ausreichenden Zinsspreads im Kergeschäft, d.h. auch eine Überarbeitung des deutschen Drei-Säulenmodells. Fehlende Margen im Kerngeschäft haben einen ungeheuren Druck und die damit einhergehende Steigerung der Risikobereitschaft und des Leverage erzeugt. 

4) Beteiligung der Mitarbeiter an den Gewinnen der Gesellschaften (nicht am Eigenkapital). Löhne und Gehälter werden real rückläufig sein müssen um dem Wirtschaftsrückgang Rechnung zu zollen und eine dramatische Erhöhung der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Um hierfür zu kompensieren, mögliche soziale Spannungen zu verhindern und positive Leistungsanreize zu setzten, sollten die Gewerkschaften umschwenken und darauf hinwirken, dass Mitarbeiter bei relativ niedrigen Fixgehältern ganz erheblich an den Unternehmensgewinnen beteiligt werden (Warum nicht in Größenordnungen von 30 - 40 %?). So können Unternehmen die Rezession überstehen und die Mitarbeiter sehr zeitnah an der eigenen Leistung partizipieren, ohne nicht kalkulierbare und portfoliotheoretisch unvernünftige Risiken einzugehen. Gleichzeitig sollten die Arbeitslosenzahlen nur unterproportional steigen.

Insgesamt geht es darum, vernünftige Verhältnisse zu schaffen, die es ermöglichen, dass Krisen, die übrigens in einer Marktwirtschaft ganz normal sind, ohne das Gesamtsystem zu gefährden überwunden werden können.

 

Frage: Welche Empfehlungen kann man mittelständischen Unternehmen auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten derzeit geben?

T.S.: Wir erwarten jetzt zunächst eine durch die Knappheit von Krediten verursachte Phase der Deflation. Das bedeutet, daß der Wert von Bargeld im Verhältnis zu annähernd allen Assets (Rohstoffe, Aktien, Immobilien etc.) steigen wird. Wer sich jetzt noch Kreditlinien sichern kann, sollte dies tun. Zusätzlich sind alle anstehenden Investitionen vor dem Hintergrund einer deutlich nachlassenden Weltkonjunktur auf den Prüfstand zu stellen und die Kosten soweit als möglich zu variabilisieren.

 

Frage: Wer wird als Gewinner aus dieser Situation hervorgehen?

T.S.: Gut mit Eigenkapital ausgestattete Unternehmen, die nicht von der Kreditvergabe abhängen und jetzt Ihre Chancen im Markt zu einer aktiven Konsolidierung nutzen.