„Alles richtig gemacht“

Der Aktienkurs der Nemetschek AG hat sich seit Anfang 2013 mehr als vervierfacht. Entsprechend positiv fällt das Fazit von Patrik Heider aus, der trotz des mittlerweile erreichten Bewertungsniveaus weiteres Wachstumspotenzial sieht. Im Gespräch mit BankM beschreibt der Vorstandsprecher des Münchner Mittelständlers, der Software für Architekten, Ingenieure und die Bauindustrie entwickelt, Parallelen zwischen Baubranche und Automobilindustrie und erklärt, warum der Bluebeam-Deal ihn von Tag zu Tag mehr begeistert.

BankM: Der Skandalflughafen Berlin-Brandenburg kommt nicht aus der Negativpresse: Neben neuerlichen Korruptionsvorwürfen werden die Baukosten laut Hartmut Mehdorn, dem ehemaligen Vorsitzenden der Flughafengesellschaft, noch einmal deutlich höher ausfallen als die bislang angenommenen 5,4 Milliarden Euro. Was bedeuten die Schlagzeilen für ein im Bausektor tätiges Unternehmen wie die Nemetschek AG?

Heider: Auf der einen Seite ist das natürlich ärgerlich. Andererseits verdeutlicht das Beispiel Berliner Flughafen aber sehr gut den Mehrwert unserer Lösungen und Dienstleistungen: Building Information Modeling (BIM) - also der integrierte Prozess des Planens, Bauens und Bewirtschaftens von Bauwerken auf Basis eines konsistenten und allen zugänglichen digitalen Bauwerksmodells – das ist eine sehr wichtige Antwort auf die Erfahrungen mit Großprojekten, die aus dem Ruder laufen. Fünf-Dimensionales-Bauen, Kollaboration, mobile Lösungen und Cloud-Computing sind weitere Trends, die wir adressieren und die den Kunden dabei helfen, im kritischen Dreieck zwischen Kosten, Zeit und Qualität beste Ergebnisse zu produzieren.

BankM: Was ist entscheidend, um gerade bei Großprojekten Fehler wie in Berlin oder bei Stuttgart 21 zu vermeiden?

Heider: Der gesamte Prozessablauf muss in die Planung integriert werden. Hieß es früher nur, die Wand wird in zwei Wochen geliefert, besteht die Herstellung der Wand heute aus extrem vielen kleinen Einzelteilen. Diese müssen als Prozess abgebildet werden, denn hochgerechnet auf den Berliner Flughafen ergeben sich schnell ungeheure Dimensionen, die eine hohe Fehleranfälligkeit mit sich bringen. Letztendlich steht die Baubranche vor dem gleichen Wandel wie die Automobilindustrie vor 15 Jahren. Dort ist es den Unternehmen in faszinierender Weise gelungen, ihre Wertschöpfungsketten zu modernisieren und das Kostenmanagement effizienter zu gestalten. Eine ähnliche Erfolgsstory wünschen wir uns auch im Bauwesen, und wollen dazu möglichst viel beitragen.

BankM: Sehen Sie schon erste Fortschritte auf diesem Weg?

Heider: Noch hinkt Deutschland ein gutes Stück hinter Regionen wie UK oder Skandinavien hinterher. Doch langsam setzt auch hier ein Umdenken ein. So wurde im Februar die Bauen Digital GmbH offiziell ins Leben gerufen – eine BIM-Initiative von Verbänden und Unternehmen, um BIM hierzulande voranzubringen. Auf europäischer Ebene gibt eine neue Richtlinie für das EU-Vergaberecht vor, dass ab 2016 alle EU-Staaten die Nutzung von BIM bei öffentlich finanzierten Bau- und Infrastrukturprojekten anordnen können. Es tut sich also etwas, auch wenn es aus unserer Sicht zu langsam voran geht. An diesem neuen Bewusstsein ist der Berliner Flughafen mit Sicherheit nicht ganz unschuldig. Denn klar ist: Viele solcher Millionengräber können wir uns nicht mehr leisten.

BankM: Profitiert Nemetschek bereits von der politisch unterstützten BIM-Förderung?

Heider: Wir sind bereits heute in vielen staatlichen Projekten aktiv, hoffen aber schon, dort künftig noch öfter zum Zuge zu kommen. Denn anders als bei einigen unserer Wettbewerber sind alle unsere Marken schon jetzt BIM-zertifiziert. Die Markteintrittsbarrieren für kleinere Player werden in Zukunft jedenfalls größer.

BankM: Dem BIM-Markt wird in den kommenden Jahren ein durchschnittliches Wachstum von rund 17 Prozent vorausgesagt. Mit einem starken Schlussspurt wuchs Nemetschek 2014 um 17,5 Prozent und erreichte damit knapp das erklärte Ziel, überdurchschnittlich zu wachsen. Wie wollen Sie dieses hohe Wachstum auch in Zukunft erreichen?

Heider: Das Problem bei Studien zum BIM-Markt besteht darin, dass kein einheitliches BIM-Verständnis existiert. Bei Nemetschek sehen wir BIM deshalb auch nicht als Produkt, sondern vielmehr als Philosophie. Unser Gründer und heutiger stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, Professor Georg Nemetschek, würde sagen: „BIM habe ich schon vor dreißig Jahren gemacht.“ Außerdem bewegen wir uns ja in den übergeordneten Sektoren Architektur und Bau, die deutlich langsamer wachsen. Genaue Marktprognosen sind daher schwierig. Es stimmt aber, dass der BIM-Bereich großes Wachstumspotential hat. Ob das dann 10, 14 oder 17 Prozent pro Jahr sind, ist am Ende nicht so entscheidend.

BankM: Was sind aus Ihrer Sicht 2015 die Hauptwachstumstreiber?

Heider: Im Fokus steht die weitere Internationalisierung. Darüber hinaus wird ein Softwarehersteller natürlich Jahr für Jahr an neuen Releases gemessen. So wollen wir in den kommenden Jahren ein organisches Wachstum in Höhe von 6-9 Prozent pro Jahr erreichen. Um auch anorganisch zu wachsen, haben wir ein zielorientiertes Scanning aufgebaut und schauen aktiv nach interessanten Targets in der Zielgröße bis zu 40-50 Millionen Euro. Diese wachsen leider nicht auf den Bäumen. Am besten ist es natürlich, wenn eine Akquisition gleich mehrere Wachstumsdimensionen abdeckt, so wie der Bluebeam-Deal, mit der Fokus-Region USA und dem Megatrend Collaboration.

BankM: Dafür war der Bluebeam-Deal mit rund 100 Millionen US-Dollar auf den ersten Blick auch recht teuer. Wie rechtfertigen Sie den Preis gegenüber Ihren Investoren?

Heider: Der Bluebeam-Deal begeistert uns täglich mehr, obwohl Umsatzmultiples von 3-4 sicher sportlich sind. Aber Bluebeam ist wachstums- und umsatzstark und hat trotz einer aktuellen EBITDA-Marge von knapp 20 Prozent noch Potential zur Profitabilitätssteigerung. Über unser bestehendes Vertriebsnetz kann Bluebeam stark nach Europa expandieren und entsprechende Skaleneffekte realisieren. Dazu spielt uns der Dollar-Effekt beim Kaufpreis in die Karten.

BankM: Wie haben Sie es geschafft, trotz dem mit so einer großen Akquisition verbundenen Aufwand überproportionale Erträge zu erwirtschaften?

Heider: Das liegt in erster Linie an unserer Post-Merger-Integration. Wir lassen die Unternehmen wie sie sind und vereinheitlichen nicht auf Teufel komm raus alle Systeme. Bluebeam begleiten wir vielleicht noch ein halbes bis ein dreiviertel Jahr beim Gang nach Europa, danach muss die Gesellschaft alleine laufen können. Durch den Bluebeam-Deal wurden andere investitionsintensive Projekte etwas in den Hintergrund gedrängt, die wir jetzt nachholen - beispielsweise der Aufbau eines 5D-Kompetenzzentrums.

BankM: Nach dem nochmals kräftigen Anstieg der vergangenen Wochen ist die Nemetschek-Aktie mittlerweile durchaus sportlich bewertet und notiert zum Teil deutlich über den Kurszielen der Analysten. Was spricht aus Ihrer Sicht trotzdem für die Nemetschek-Aktie?

Heider: Die letzten Wochen zeigen ja, dass durchaus noch weiteres Aufwärtspotential besteht. Wir sind ja nicht am Ende unserer Wachstumsstory, sondern bei vielen Trends erst am Anfang. Gerade ausländische Investoren interessieren sich deshalb verstärkt für Nemetschek. Besonders in den USA erhalten wir durch die Bluebeam-Akquisition deutlich mehr Beachtung.

BankM: Wie unterscheiden sich deutsche und internationale Investoren in Ihren Anforderungen an das Unternehmen?

Heider: Die grundsätzlichen Anforderungen sind sehr ähnlich, aber der Blickwinkel ist manchmal ein anderer. Angelsächsische Investoren denken mehr in Wertschöpfungsketten, Deutsche und Kontinentaleuropäer hingegen eher in Kennzahlen.

BankM: Sie sind jetzt ziemlich genau ein Jahr im Amt, Zeit für ein kleines Zwischenfazit: Wie bewerten Sie Ihre ersten 12 Monate als Vorstandssprecher der Nemetschek AG?

Heider: Nach zuvor 11 Jahren in einem Unternehmen habe ich mir den Wechsel sehr gut überlegt und kann nach einem Jahr sagen: Alles richtig gemacht! Die Branche ist hochinteressant, ich habe eine herausfordernde Aufgabe, die Zusammenarbeit in den Organen funktioniert reibungslos und die Zahlen des vergangenen Jahres sprechen sowieso für sich.