Deutsche Börse Venture Network – Zum Scheitern verurteilt?

Von Axel Rose

Mitte Juni startete mit dem Venture Network die Antwort der Deutsche Börse AG auf politische Forderungen nach einem Neuen Markt 2.0. Jetzt eine Welle deutscher Tech-IPOs zu erwarten, wäre jedoch ein Fehler, denn nach wie vor fehlt es jungen Unternehmen an einer langfristigen Perspektive bei der Eigenkapitalfinanzierung. Daran schuld ist mehr noch als die ausufernde Regulierung die systematische Diskriminierung der Aktie als Anlageform. Solange sich dies nicht ändert, ist der Ruf nach einem Neuen Markt 2.0 scheinheilig.

Phantasie, Innovation, Alleinstellung, Zielstrebigkeit, Risikobereitschaft – alles Attribute, die Venture-Capital-Geber in der Regel von Start-ups verlangen. An diesen Maßstäben gemessen, würde das neue Venture Network der Deutsche Börse AG wohl nicht viel Geld einsammeln. Am 11. Juni startete die Plattform, die Wachstumsunternehmen mit professionellen Investoren verbinden und dadurch einen „signifikanten Beitrag zur Verbesserung der Finanzierungssituation junger Wachstumsunternehmen und zur Stärkung von Börsengängen in Deutschland“ leisten möchte. 27 Start-ups und 42 Investoren waren beim Start dabei, neben der Online-Plattform wirbt die Deutsche Börse mit einem umfangreichen Veranstaltungs- und Trainingsangebot sowie mit Zugang zu einem erweiterten Multiplikatorenkreis bestehend aus Politikern, Mentoren und erfahrenen Unternehmern.

Der geforderte Neue Markt 2.0 ist die Plattform damit nicht. In Branchenkreisen wird stattdessen lieber vom Neuen Markt 0.5 gesprochen. Soviel zur Phantasie. Eine mutige Vision für Tech-Firmen am deutschen Kapitalmarkt ist das Venture Network tatsächlich nicht, es steht eher für eine vorsichtige Politik der kleinen Schritte. Start-ups sollen sich über die Plattform langsam an die Börse herantasten, eine klare Perspektive für eine Notierung in Deutschland bekommen sie aber nicht aufgezeigt. Auch ist das Venture Network keineswegs die erste Plattform, die Start-ups und Investoren zusammenführen möchte - Innovation und Alleinstellung Fehlanzeige. Was bei Autos, Häusern oder zunehmend auch Lebenspartnern funktioniert, muss im Finanzbereich zudem noch lange nicht klappen. So konnten sich Matching-Plattformen im M&A-Bereich bislang nicht durchsetzen und auch beim Wagniskapital ist Skepsis angebracht. Es ist ja nicht so, dass die Wachstumsunternehmen die relevanten Ansprechpartner nicht kennen würden. Genauso wenig wie den professionellen Wagniskapitalgebern die auf der neuen Plattform geführten Unternehmen neu sein dürften. Schließlich handelt es sich bei diesen durchweg um etablierte Start-ups, dafür sorgen schon die Zulassungskriterien. Man kennt sich in der kleinen Venture-Capital-Welt. Firmen wie Mister Spex, home24 oder Kreditech, die alle auf der neuen Plattform geführt werden, fehlte es auch vorher nicht an interessierten Geldgebern. So hat Kreditech nach Medienberichten in einer aktuellen Finanzierungsrunde gerade erst 40 Millionen Euro eingesammelt. Bei Home24 waren es Anfang Juni sogar 120 Millionen Euro.

Eine Verbesserung der Finanzierungssituation wird das Venture Network also kaum erreichen, da die Unternehmen, die sich tatsächlich schwer tun an Wagniskapital zu kommen, gar nicht erst teilnehmen dürfen. Bleibt also das zweite Ziel: Die Elite der deutschen Start-ups fit für den Börsengang zu machen. Mehr Wachstumsunternehmen für einen Börsengang in Deutschland zu gewinnen ist sicherlich die richtige Zielsetzung, aber weist die neue Plattform auch den richtigen Weg? Ein Workshop hier und ein Erfahrungsaustauch dort sind schön und gut, doch letztlich nicht ausschlaggebend. Dafür holen sich die Unternehmen wenn es soweit ist schon kompetente Manager und Berater ins Haus. Und vor IPO-Anfragen können sich erfolgreiche Start-ups aus der Venture-Network-Liga vermutlich sowieso kaum retten. Welche Investmentbank möchte nicht das nächste windeln.de an die Börse bringen?

Viel entscheidender als den umworbenen Unternehmen Training und Kontakte zu verschaffen, wäre es, eine verlässliche Perspektive für einen Börsengang in Deutschland zu bieten. Andernfalls folgen die Tech-Firmen dem mit fantastischen Bewertungen lockenden Ruf der US-Börsen oder lassen sich gleich von einem Konzern mit Industrie-4.0-Plänen aufkaufen. Doch genau an dieser verlässlichen Perspektive krankt es derzeit. Vielmehr erleben wir gerade eine Regulierungswelle, die immer mehr Pflichten, immer höhere Kosten und damit gerade für kleinere Unternehmen immer stärkere Unsicherheit mit sich bringt. Die Forderungen kommen vor allem aus Brüssel. Allen voran die Mitte 2016 in Kraft tretende EU-Marktmissbrauchsverordnung hat es in sich. Sie verschärft nicht nur das bislang geltende Recht insbesondere in den Bereichen Insiderrecht, Ad-Hoc-Publizität, Directors’ Dealings und Marktmanipulation, sondern ist auch mit einer erheblichen Erweiterung des Anwendungsbereichs verbunden. Künftig unterliegt auch der deutsche Freiverkehr einschließlich der verschiedenen Qualitätssegmente (wie z.B. der Entry Standard in Frankfurt oder m:access in München) vollständig dem europäischen Missbrauchsregime. Verfehlungen werden mit drastischen Bußgeldern sowie der Offenlegung – auch nicht rechtskräftiger Entscheidungen - durch die BaFin („Naming and Shaming“) geahndet.

Die Unterscheidung zwischen reguliertem Markt und Freiverkehr verschwimmt dadurch immer stärker und letzterer verliert seine Wesensart als der Idee nach privater, vom Börsenbetreiber geregelter Markt. Gleichzeitig wird der Deutsche Börse AG von vornherein jede Möglichkeit genommen, eigenständig ein transparentes und gleichzeitig attraktives Tech-Segment zu entwickeln. Dies ist ein weiterer Schlag gegen die Aktienkultur in Deutschland, deren weitgehendes Fehlen der eigentliche Grund für die ausbleibenden Börsengänge hiesiger Unternehmen ist. Trotz beinahe schon stündlicher Berichte über die Schuldenkrise und deren sichtbare Auswirkungen, wird die Eigenkapitalfinanzierung in Deutschland gegenüber der Fremdkapitalfinanzierung immer noch diskriminiert. Besonders auffällig wird dies an zwei Punkten: Während Zinszahlungen als Kosten für das Fremdkapital steuerlich abgesetzt werden können, müssen Dividenden – faktisch nichts anderes als Kosten für das Eigenkalital - doppelt versteuert werden. Dass Banken, Versicherungen oder Pensionsfonds für Aktienanlagen eine hohe Eigenkapitalunterlegung leisten müssen, während Staatsanleihen immer noch als risikolos eingestuft werden, ist ein weiteres Beispiel. Beides verteuert das Halten von Aktien und führt zu einer strukturellen, politisch forcierten Fehlallokation.

Ein Umdenken ist nicht abzusehen, kein Wunder also, dass immer mehr gerade kleinere Unternehmen sich von der Börse zurückziehen – Stichwort Delisting. Wieso also sollten Start-ups in diesem Umfeld den umgekehrten Weg gehen? Mit Sicherheit nicht aufgrund ein paar besuchter Workshops und einiger neuer Netzwerkkontakte. So gut das Venture Network aufgenommen wurde, so schwierig wird es deshalb die Erwartungen zu erfüllen. Und die SAP SE wird wohl auf absehbare Zeit das jüngste Unternehmen im DAX bleiben – Gründungsjahr: 1972.